Auferstehung der SF-Novelle
gbwolf on Mrz 3rd 2007
Eine schöne Neuerung in der SF-Szene ist in diesem Jahr die Herausgabe von ersten Bänden ausschließlich mit Novellen von deutschsprachigen Autoren aus dem semi-professionellen Sektor. Nun bin ich weder Literaturwissenschaftler, noch großer SF-Kenner. Ich kann also nicht beurteilen, ob die Idee wirklich ganz neu und frisch ist. In den letzten Jahren jedenfalls gab es nichts vergleichbares und die Novellen mussten sich brav in den Kurzgeschichtenanthologien tarnen und sich ab und an den Vowurf gefallen lassen, sie würden dort den anderen Autoren viel Platz wegnehmen und sehr auffallen. Ebenso alle Jahre wieder das Drama um den deutschen SF-Preis, bei dem regelmäßig Novellen den Preis für die beste Kurzgeschichte abräumen. Vielleicht wird es im Kielwasser der neuen Novellenbände hier bald eine neue Kategorie geben?
Den Anfang macht der Wurdack-Verlag mit Lazarus, einer Sammlung von 5 Autoren auf 196 Seiten. Von Shayol gibt es ebenfalls Überlegungen noch in diesem Jahr nachzulegen und ebenfalls einen Novellenband neben den Visionen herauszubringen. Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung in diesem Gebiet und habe der SF-Novelle bereits einen Platz in meinem Leserherzen eingeräumt.
Nach der Vorbestellung kam stand Lazarus schon bald auch in meinem Briefkasten auf.
Als erstes fällt das aufwändige und harmonische Cover mit dem klassischen Wurdack-Dreieck als Markensymbol ins Auge. Sehr angenehme Farbwahl, schönes Papier und sauberer Druck. Der Bundsteg in der Mitte ist ein wenig eng. Ich konnte das Buch zwar lesen, ohne eine Knickfalte in den Rücken zu machen, aber bei ungünstiger Beleuchtung flimmert es doch ein wenig in den Augen (bin tendenziell anfällig für Migräne, andere mag das nicht stören).
Viel wichtiger aber als die Äußerlichkeiten, die für einen kleinen Verlag und diesen Preis mehr als befriedigend sind, ist der Inhalt.
Die Idee mit den Novellen gefällt mir persönlich sehr gut. Gerade richtig für eine Zugfahrt oder lange Wartezeiten beim Arzt. Man hat einen ordentlicheren Happen, als bei einer Kurzgeschichte, aber nicht die Dehnung wie bei einem Roman. Auch ein Novelle, die einen selbst thematisch nicht so anspricht liest man dennoch zu Ende, weil einen nicht 800 Seiten von der Auflösung trennen, sondern durchschnittlich nur 30.
Durchgängig sind die Geschichten routiniert und professionell geschrieben und fast sämtlich flüssig zu lesen.
Lazarus – Wurdack-SF 7
Lazarus beinhaltet eine angenehme und abwechslungsreiche Geschichtenauswahl, in der wieder einmal Heidrun Jänchen glänzt. Um den Titel ihrer Story zu zitieren kann ich sagen, dass sie mich als Leser zu Fünfundneunzig Prozent befriedigt hat – kleine Perspektivensprünge am Anfang machen den Einstieg etwas wirr, aber sobald man sich eingelesen hat, kommt man nicht wieder los.
Ebenfalls sehr faszinierend die starke Charakterisierung von Petra Vennekohls altgedientem Raumschiffkapitän in einem klassischen SF-Setting.
Nette Action für Zwischendurch bietet Bernhard Schneider mit einer sehr amerikanisch-hollywoodesk angehauchten Geschichte. Hier ist mir ein Logikfehler aufgefallen. +++ Spoiler Wenn Carlos kein Deutsch beherrscht (S. 115: “… da er sich nicht vorstellen konnte, diese schwerfällige Sprache, die [...], auch nur einigermaßen verständlich über die Lippen zu bringen.”), wie liest er dann die Briefe, Testamente und Karten der Deutschen? Und kann man ein so umfassender Experte für das Dritte Reich werden, wenn man keine deutschen Originalquellen lesen kann? Spoiler Ende +++
Wenig anfangen konnte ich mit Armin Rößlers Geschichte, bei der mir vor allem bildhafte Beschreibungen gefehlt haben. Allgemein ist es nicht die Art SF, die ich gerne lese und die sehr weit im Grenzbereich zur Fantasy liegt.
Ganz durchgefallen ist für mich Am Ende der Reise von Andrea Tillmanns. Die Perspektive eines Kindes nehme ich sehr ungern ein und halte sie auch für unglücklich gewählt, da die Reisenden ohnehin eine recht naive Weltsicht haben und die Protagonisten als Kinder auch ungewöhnlich und fast schon unlogisch viel Verantwortung übernehmen können.
Dazu kommt, dass sich die Novellensammlung ohnehin an ein erwachsenes und naturwissenschaftlich gebildetes Publikum richtet. Die geschilderten Sachverhalte aus dieser Perspektive sind also weder neu, noch aufrüttelnd. Eher bekommt der Leser das Gefühl, dass ihm hier sehr aufdringlich ein schlechtes Gewissen eingeredet wird. Als “Aufrüttelgeschichte” eher für ein anderes Publikum geeignet und für mich leider sehr, sehr langatmig.
Lazarus; 5 Novellen; SF-Reihe Band 7; Herausgeber Armin Rößler, Heidrun Jänchen
Wurdack-Verlag; ISBN 3-938065-21-4; 9,95 Euro
Armin Rößler – Lazarus
Petra Vennekohl – Tatoos
Bernhard Schneider – Modulation
Andrea Tillmanns -Am Ende der Reise
Heidrun Jänchen – Fünfundneunzig Prozent