»Die Helden betraten eine gigantische Halle, in der ihnen mit unglaublicher Geschwindigkeit ein riesiger Drache entgegensprang. Hero zog sein langes Schwert und hieb ihm in den Rachen.«
Mal abgesehen davon, dass dieser Ausschnitt aus einer fiktiven Geschichte inhaltlich grottig ist, möchte ich hieran verdeutlichen, warum die so gern benutzten Adjektive, wie z.B. gigantisch besser vermieden werden sollten.
Die häufigste Autorenausrede, die mir zu diesem Thema bislang begegnet ist war: »Dann kann sich der Leser selbst etwas darunter vorstellen. Ich möchte ihn nicht bevormunden.«
Meiner Ansicht nach gibt es einen Unterschied zwischen bevormunden und ganz allein im Nebel stehen lassen. Dem möchte ich mich heute mit Mathematik nähern. Mathe? Iih! Ich schreibe doch, damit ich kein Mathe machen muss! – Stimmt. Die meisten Schreiber merken nicht, dass sie mit Grammatik, Inhaltsaufbau und Wortspielereien eigentlich auch mathematische Regeln berücksichtigen. Zeit also, sich darüber einmal Gedanken zu machen.
Wir wählen das Adjektiv gewaltig.
Was bedeutet es, wenn wir es mathematisch ausdrücken? Wir haben keinen Vergleichswert: gewaltig ist größer als in Mann; gewaltig ist größer als ein Haus, ein Berg, ein Ozean. Als einzigen Anhatspunkt haben wir: Es muss größer als nichts sein und nach oben ist die Skala offen.
Wir schreiben also:
X > 0 (Wobei X aus der Menge aller Zahlen, blah, ihr wisst schon, X kann alles sein)
Ziemlich nichtssagend, oder?
Ich will, nölt der Hobbyautor jetzt los, jetzt aber nicht alles pingeligst definieren und aufschreiben. Das nervt den Leser auch: »Die Halle war 50,67 Meter hoch und 40,56 Meter lang, nein 45,89 Meter, der Zwerg hatte sich vermessen.«
Auch lustig, aber die Atmosphäre bleibt bei Null. Jetzt kommen wir zum klassichen »Klar und deutlich sagen, was Sache ist, aber die Details eigentlich nur umschreiben und nicht nennen.«
Als Beispiel verwende ich das Dreieck. Ruhe! Das hat jeder in der Schule gemacht, das ist nicht kompliziert! Ich male auch noch ein paar Bilder.

Dieses Dreieck ist völlig beschrieben. Wir kennen alle Winkel und alle Schenkel. Langweilig, nicht?
Kann man das einfacher machen, ohne Informationen zu verlieren?
Ja. Dafür muss man sich jetzt überlegen, mit welchem Minimum an Informationen sich ein Dreieck beschreiben lässt. Wir nehmen jetzt Stück für Stück weg und schauen, wieviel wir übrig lassen müssen, damit man mit wenigen Handgriffen exakt das Ursprungsdreieck ableiten können.
Ableiten? Hübsches Wort.
Genau! Darauf will ich hinaus. Minimal definiert sich ein Dreieck über drei Angaben. Ich habe mich dafür entschieden, zwei Schenkel und einen Winkel vorzugeben. Die beiden anderen Winkel und der dritte Schenkel können jetzt jeweils nur einen Wert annehmen. Sie sind gelb eingezeichnet.

Wir haben also nur drei Vorgaben und können uns den Rest selbst ohne viel Mühe ableiten. Das Ableiten selbst erzeugt ein Gefühl von »Hah! Nicht alles vorgekaut bekommen, sondern selbst erschlossen!«. Gleichzeitig hat der Leser genug Informationen an der Hand, um genau zu verstehen, was der Autor meint.
»Die Helden betraten eine Halle, die in ihren Aussmaßen Platz für den Tempel des Ukalbo geboten hätte. Mit der Geschwindigkeit eines zustoßenden Falken schwang sich ihnen ein Drache aus der Höhe entgegen, groß wie eine Taverne. Hero zog sein Bastardschwert und hieb ihm in den Rachen.«
Immer noch nicht perfekt, aber die Beschreibungen sind jetzt viel treffender und konkreter (vorausgesetzt, der Leser kennt den Tempel und weiß ungefähr, wie schnell Falken sind, wie groß eine Taverne ist, wie lang ein Bastardschwert … aber das ist eine andere Sache.)