Es ist schwer geworden, in den Buchhandlungen den Büchern mit dem schwarzen Einband, dem farblich abgesetzten, beinahe schon grellen Titelbild, den kurzen Titel und er eindeutigen Aura Thriller zu entwischen. Schätzings Buch fand den Weg in meinen Bücherschrank vor allem darüber, dass es spannende Unterhaltung auf naturwissenschaftlichem Niveau versprach, jenseits von Verschwörungstheorien und Kirchenmythen. Und einer der wenigen Thrillerautoren aus deutschsprachigen Landen sollte schließlich unterstützt und gelesen werden.
Über den Inhalt des Schwarms zu erzählen und nichts zu verraten ist schwer. Die Geschichte beginnt an verschiedenen Orten mit verschiedenen Protagonisten. Sie sind ausnahmslos Wissenschaftler, die auf einem Spezialgebiet tätig sind: Meer.
Leon Anawak in British Columbia und Sigur Johanson in Norwegen bleibt zunächst der Ausschnitt vor die eigene Haustür. Harmlose aber merkwürdige Begebenheiten mit den Bewohnern unter dem Wasser, mit scheinbaren Abnormalitäten aus einer Welt, die weitestgehend unerforscht und unbekannt ist. Untypisches Verhalten von Walen und Würmer, die eine geplante Ölbohrung stoppen, Berichte über Quallenschwärme vor Südamerika.
Die Ereignisse häufen sich in den Nachrichten. Der Gedanke daran, dass nicht alles purer Zufall sein könnte, wächst. An einen großen Zusammenhang möchte niemand glauben, auch wenn die Indizien sich Stück um Stück häufen. Langsam verknüpfen und vernetzen sich die Vermutungen und zwingen die Wissenschaftler, alte Wertevorstellungen über Bord zu werfen und den Blick weit genauer als bisher unter Wasser zu richten.
Schätzing entwirft auf fast 1000 Seiten ein Schreckensszenario mit leicht mystischem Touch. Er schreibt sein Buch ein wenig wie einen Actionfilm, setzt geschickte Cliffhanger und bedient sich jeden Hilfsmittels, dass die literarische Trickkiste für Spannung zu bieten hat. Dazwischen gelingt es ihm, wissenschaftliche Fakten verständlich zu präsentieren und Charaktere zu entwerfen, die in ihrer Menschlichkeit absolut glaubwürdig sind. An vielen Stellen liest der Roman sich sehr authentisch, kleine Stilungenauigkeiten verzeiht man gerne und schnell.
Natürlich spielt Schätzing mit der Angst vor dem Unbekannten in der Tiefe und den Umweltkatastrophen, die an allen Ecken dieser Welt potenziell auf uns lauern, regt dadurch aber auch zum Nachdenken an. Trotz einiger erhobener Zeigefinger überzeugt das komplexe Gesamtkonzept des Romans durchgängig. Wirklich platt wird die Handlung nie, die Charaktere handeln wie Menschen und scheren nicht ohne Grund aus ihren Rollen aus, wie in Popcornfilmen und B-Thrillern.
Wer sich privat bereits mit Methanhydraten, Mutationen und Klimaverschiebung beschäftigt hat, wird den Roman an vielen Stellen als etwas zu erklärend empfinden. Geschrieben wurde er eindeutig für ein Publikum, das sich der komplexen und verzahnten Vorgänge auf unserem Planeten nicht bewusst ist. Zwischendurch gibt es die eine oder andere Länge, die letzten 100 Seiten sind Geschmackssache. Andererseits ist es Schätzing gelungen, den Roman nicht zu seicht ausklingen zu lassen und ein brauchbarer Schluss ist besser als ein wirklich schlechter. Zudem gibt es beim Publikum keine Akzeptanz für offene Enden oder Kompromisslösungen; Schätzing hat sich hier an einer Mischung versucht.
Conclusio: Kaufen und lesen. Für unter zehn Euro lohnt es sich, dieses Buch zu besitzen. Mehr als eine Woche sinnvolles und bildendes Lesevergnügen wird man nicht billiger bekommen.
Eine neue Art von Thriller, die sich wohltuend vom Einheitsmarkt abhebt.
Schätzing, Frank: Der Schwarm; Fischer TB; Frankfurt a.M.; ISBN: 3-596-16453-2; kartoniert, 9,95

