Claye ist der Erbe von Lord Gruethrist, aber sein eigentlich sorgenfreies Leben beginnt bereits als Säugling mit der Flucht vor der Armee des Barons Culufre. Dem Ritter Yvon und der Amme Xaragitte aber gelingt es nicht, das Kind in Sicherheit zu bringen. Der Jung wird von einer Trollmutter gefunden, die um ihre verstorbene Tochter trauert und fortan in ihrem Volk aufgezogen.
Jahre vergehen, in denen Claye, der mittlerweile den Namen Made trägt, heranwächst. Körperlich ein Mensch und im Herzen ein Troll, versucht er sich seinen Platz unter den Riesen zu erkämpfen und muss erkennen, dass ihm nur ein Weg zu gehen bleibt: Zurück zu den Menschen, von denen er nichts weiß und die er nicht kennt. Er lernt den Krieg und die Liebe kennen und die Sehnsucht nach einem Platz in dieser Welt.
Finlays Debütroman entwickelt sich langsam. Epische Schlachten, Magie in Mengen oder dramatische Heldentaten darf man nicht erwarten. Die Konzentration liegt auf dem Protagonisten Claye/Made, der die Selbstverständlichkeiten einer brutalen, frühmittelalterlichen Welt aus einer außenstehenden Perspektive beobachtet. Die Charaktere und insbesondere das Volk der Trolle mit seinen Gebräuchen und Lebensweisen sind tief und dreidimensional dargestellt. Finlays Sprache ist klar und schnörkellos, aber dennoch frisch und voller unverbrauchter Ideen und Phrasen, die nie aufgesetzt wirken.
Die beeindruckenste Arbeit des Autors liegt darin, die Rolle des Claye konsequent durch das Buch zu führen. Seine Unangepasstheit wird dem Protagonisten mehr als einmal fast zum Verhängnis, kurzzeitige Charakterschwankungen, um aus einer Situation heraus zu kommen, gibt es nicht und auch keine schnellen Gesinnungswandlungen, wie sie in vielen Romanen und Filmen passieren. Die Erziehung der Trolle und der Glaube daran, selbst ein Troll zu sein, sind tief in Claye verwurzelt und es ist psychologisch absolut nachvollziehbar, wie er sich entwickelt und auf seine Umwelt reagiert.
Ein Problem beim Lesen schafft der kaum vorhandene Spannungsbogen. Die Handlung ist die eines Entwicklungsromans und der Autor eher ein sehr guter Erzähler, als ein Actionschreiber. Zwar kommt es auch zu Kämpfen und Konflikten, ein wirklich elektrisierendes Element fehlt dem Roman aber und in der Mitte fließt die Handlung an manchen Stellen recht zäh voran – hierbei sei allerdings erwähnt, dass die Rezensentin kein Fan von »Troll trifft Indianer« ist.
Außerdem anmerkenswert ist das gelungene Titelbild des Illustrators Thomas Thiemeyer. Allerdings werden Bibliophile mit dem empfindlichen Buchrücken leiden. Die Folie auf der Klappenbroschur legt sich auch beim vorsichtigen Lesen gern in Falten. Papier, Satz und Bindung allgemein sind dem Preis angemessen und sehr gut. Aber das hat von der Hobbitpresse sicher auch niemand anders erwartet.
Empfehlen kann man den Roman allen, die etwas andere Fantasy lesen wollen, die Entwicklungsromane mögen und denen ein ständiger Spannungsbogen nicht so wichtig ist. Mehr noch als bei anderen Büchern empfiehlt es sich hier, einige Seiten in der Buchhandlung oder die Leseprobe auf er Verlagsseite anzulesen und sich ein Bild zu machen, ob man mit dem frischen, aber eigenwilligen Stil des Autors zurecht kommt.
Wer bereits an der köstlichen Anfangssequenz seine Freude hat, dem ist dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Sicherlich eine der Neuentdeckungen der Fantasy in diesem Jahr.
Finlay, Charles Coleman: Der verlorene Troll; Klett-Cotta, 2007
444 Seiten; ISBN: 978-3608937862, 16,90