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Archive for the 'Rezension' Category

Lesenszeichen: Lieblingsbücher 2009

gbwolf on Jan 21st 2010

So in der Rückschau habe ich 2009 mehr gelesen als ich eigentlich dachte.

Zeit, eine kleine Lieblingsliste zu erstellen (Reihenfolge bedeutet keine Wertung):

Euer schönes Leben kotzt mich an von Saci Lloyd: Jugendumweltroman zwischen Erwachsenwerden, Klimakatastrophe und völligem Wahnsinn.

Superschurken, Superhelden – der Rat des Bösen von Andy Briggs: Wann hat man schonmal die Möglichkeit eine Geschichte aus der Sicht der Guten und der Bösen zu lesen? Innovative Buchreihe für Jungs ab 10.

Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher: Faszinierend aufgebautes Buch über Schuld, Mitschuld und Wegsehen. Mobbing über die Grenzen des Todes hinaus.

Der ewige Krieg von Joe Haldeman: SF-Klassiker, der einem ganz schön auf den Magen schlägt.

Krieg der Klone von John Scalzi: Herrliche MilSF mit viel mehr Tiefsinn als der lockere Stil anfangs vermuten lässt.

Terror von Dan Simmons: Wow! Der Autor nimmt einen gnadenlos mit in Eis und Schnee und haut einem mit beiden Händen die Atmosphäre dieser Epoche um die Ohren.

Die Werwölfe von Christoph Hardebusch: Völkerfantasy abseits des seichten Durchmetzelns, eher eine klassische Erzählung vom Anfang des 18. Jahrhunderts.

Der Tag der Messer von Alexander Lohmann: Endlich mal ein dystopischer Fantasyroman, in dem alle gemein sind und sich nicht alles in Heiterkeit und Rollenspiel-Glückseligkeit auflöst!

Eine Kiste explodierender Mangos von Mohammed Hanif: Zia hätte das sicher nicht gefallen. Stilistisch herrliches Bubenstück, das man nicht aus der Hand legen kann.

Rupien! Rupien! von Vikas Swarup: Vorlage zu Slumdog Millionaire. Nicht immer brilliant geschrieben, aber mit sehr nachdenklichen Szenen.

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Lesenszeichen

gbwolf on Nov 9th 2008

Nachdem ich lange keine Geduld zum Lesen hatte, verschlinge ich in den letzten Wochen wieder vermehrt Bücher. Kann aber auch daran liegen, dass die von mir bestellten Sachen es mittlerweile durch die Kistenberge im Bibliothekskeller bis ans Tageslicht geschafft haben.

Zum einen ist da endlich die Bücherdiebin, deren wundervolles Cover mit dem interessanten Papier mich mehr als einmal beinahe zum Kauf verlockt hat. Es ist kein schlechtes Buch und sehr berührend, dennoch kann ich nicht in die vielen Lobeshymnen einstimmen. Für mich wäre es ebenfalls eins der Bücher des Jahres gewesen, hätte es 200 Seiten weniger gehabt. Ich bin kein Fan von zu vielen redundanzen und zu viel Vorgreifen in einem Roman.

Ebenfalls überdurchschnittlich gut fand ich Nachtreiter von Daniela Knor. Hier lag mein Wehmutstropfen in den letzten 100 Seiten. Auch hier mag wieder mein persönlicher Geschmack reinspielen, aber ich fand es schade, dass in dem fast magielosen Buch, dass mich an Band 1 von Lied aus Feuer und Eis erinnert hat, dann doch sehr viel normal wirkende Fantasy eintrat mit Zwergen, Helden, um die man keine Angst hat, weil sie ständig davonkommen. Wie gesagt ist es ein sehr gutes Buch, sehr gut geschrieben mit lebendigen Details und guten Figuren – mir hat der Schluss leider nicht gefallen.

Bei den Jugendthrillern begeistere ich mich derzeit für Prinzentod. Der Roman nimmt sich selbst und den Leser ernst, beschönt nichts an Gefühlen, bietet eine erwachsene Sprache und ist bislang noch völlig undurchschaubar und offen.

Von Naomi Novik werde ich Drachenbrut wohl in den nächsten Tagen beenden. Da ich ein Mensch bin, der auch das beste Buch an der spannensten Stelle weglegen und für Wochen vergessen kann, bin ich gespannt, wie lange ich noch für die Geschichte von Temeraire benötige.

Ebenfall mit Drachen hat Drachenklingen von Pierre Pevel seinen Weg in meinen Bücherschrank gefunden, wird seine Reise allerdings bald als Geschenk an die Bibliothek antreten. Keine Frage, die Mischung ist interessant, aber als Fan der drei Musketiere, muss ich Pevel einen etwas steifen Stil unterstellen, der in seiner Pfiffigkeit nicht an das (unerreichbare) Original herankommt. Auch kommt die Geschichte selbst nicht recht in Fahrt, alles wirkt auf mich unschlüssig. Dafür, dass ich mich monatelang auf dieses Buch gefreut habe, bin ich enttäuscht. Kann natürlich sein, dass auch einiges in der Übersetzung verloren ging (oft haben Übersetzer zu wenig Zeit und bekommen nur einen Hungerlohn), aber wenn nicht überall zu lesen wäre, dies sei einer der beliebtesten und bekanntesten Fantasyautoren Frankreichs, würde ich den Roman für ein debüt halten.

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Lesenszeichen

gbwolf on Aug 10th 2008

Was habe ich gerade (ausgelesen) in den Bücherschrank zurück gestellt?

Am stärksten beeindruckt hat mich sicherlich Allah & Eva von Betsy Udink, die als Diplomatengattin 3 Jahre lang in Pakistan gelebt hat. Entgegen des Untertitels, beschäftigt sich über die Hälfte des Buches nicht ausschließlich mit der Rolle der Frau, dennoch liest es sich flüssig und bitter. Neben einer Schockportion Realität bekommt man viele Anregungen, um Fantasygesellschaften zu gestalten (es muss ja nicht immer die westlich-mittelalterliche Philosophie sein).

Übrigens gibt es das Buch auch als preisgünstige Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ;)

Da bilde ich mich natürlich gern noch weiter und schlinge gerade an zweiheimisch und werde mich im Anschluss entweder auf die indische Geschichte werfen oder mal ins Machtmosaik Zentralasien reinschnuppern. Das ist eine Region, bei der ich offen gestehen muss, dass ich zwar einige Ländernamen kenne, aber keinen Schimmer habe, wo diese liegen. Zu Zeiten, in denen ich in meiner Freizeit Atlanten auswendig gelernt habe, hing das noch alles im Klumpen UDSSR.

Einen sehr guten Roman hat Sina Beerwald mit Die Goldschmiedin hinbekommen. Der reihenkonforme Covereindruck täuscht, die Geschichte spielt nicht im Mittelalter, sondern um 1740. Eigentlich ist es auch kein Schmachtfetzen, sondern ein netter Thriller, bei dem man der Protagonistin ausführlich beim schmieden zusehen kann. Klingt langweilig? Nein, macht sehr viel Spaß. Nur am Schluss geht es etwas … ich denke, man nennt das Happy End (sollte ich mir ebenfalls mal angewöhnen).

Und sobald der Sommerleseclub zu Ende ist, werde ich mich mal an diesem Regal bedienen. Und dann müssten auch schon bald die neuen Bücher kommen, die ich für Fantasy und Gesellschaft bestellt habe. Die muss ich dann natürlich testen, bevor ich sie den Lesern anbieten kann. Qualitätskontrolle!

Ah. Wer sich übrigens wundert, dass die Rezension zu Flammenkuss aus meinem Blog raus ist: Auf kg.de und im Zirkel ist sie weiter zu lesen. Nur langsam geht es mir auf den Geist, dass Leute mein Blog fast ausschließlich über dieses Buch finden. Es wird hoffentlich noch genug andere Schlagworte geben, mit denen man auf Winterdaemmmerung gelangt!

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Lesen, lesen, lesen …

gbwolf on Mai 26th 2008

Damit es mir vor lauter Schreiben nicht langweilig wird, bin ich fleissig am Stilabgucken/Recherchieren/Lesen. Will heißen: Ich fresse mich derzeit durch Jugendbücher. Einfach mal schauen, welche verschiedenen Stile es gibt, wie die Autoren aufbauen und erzählen, welche Gewichtung wörtliche Rede und Nachdenken des Protagonisten hat. Anschließende selbst an den PC zu sitzen und eine Szene zu schreiben, fällt mir auf jeden Fall leichter, wenn ich emotional auf Stil und Stimmung eingestellt bin und das klappt mit einem bisschen Lesefutter ganz hervorragend. Besonders, wenn die Autoren es verstehen, eine Leichtigkeit in ihren Roman einzubringen, die einen dazu bringt, einfach weiter zu lesen, auch wenn einen dies und das an Plot oder Pro stört. Es geht ja nicht um ein hochwertiges Literaturerlebnis mit Wirkung für die Nachwelt, sondern um Unterhaltung.

Gerade durch bin ich mit:

Christina Dunker – Schwindel. Der Ich-Erzähler liegt mir persönlich nicht besonders und auch in diesem Thriller empfinde ich ihn als überflüssig. Nette Unterhaltung, aber leider nicht ganz so spannend, wie ein Thriller für mich sein sollte.

Lynn Raven – Der Kuss des Dämons. Die Vampirwelle rollt und auch wenn es Begründungen gibt, warum nicht jeder Blutsauger eine verwesende Leiche ist, nimmt mich das Thema einfach nicht mit. Das ändert nichts an der Tatsache, dass Lynn ein flüssig geschriebener und angenehm zu lesender Roman gelungen ist, von dessen Stil man sich ein oder zwei Scheiben abschneiden kann. Hinterher habe ich mich gefragt, ob das Ding wirklich über 300 Seiten hat, weil ich so schnell durchgerauscht bin.

Hilke Rosenboom – Die Teeprinzessin. Das ist wieder so ein Fall, bei dem ich der Autorin viel verzeihe, weil sie eine fantastische Erzählerin ist; und weil es um Tee geht und man mich damit eigentlich immer einfangen kann. Ein paar Logikbieger verzeiht man zu Beginn noch, auch, wenn ich Betty nicht alle Entscheidungen abnehme, die sie so trifft, aber teilweise ist der Plot schon haarsträubend, da wäre weniger mehr gewesen. Nichtsdestotrotz eine sehr angenehm zu lesende Lektüre und einer der wenigen Historischen Romane, bei dem die Figuren größtenteils Kinder ihrer Zeit sind und bleiben und keine modernen Soap-Abziehbilder. Gerade am Anfang ist Betty eine unheimlich liebenswerte Protagonistin, weil sie in vielen Dingen nicht gegen Konventionen rebelliert, die ihr in Fleisch und Blut stecken.

Gerade auf meinem Tisch liegt The Golden Compass, den ich mir vor 4 Jahren aus Alaska importiert habe. Eigentlich wollte ich einen neuen Anlauf an Otherland wagen, aber ich bringe es nicht über mich, den Ziegelstein aufzuklappen, so sehr ich Tad Williams als Mensch und Autor auch schätze, wenn er nur halb so ausschweifend wäre, würde ich ihm die Füße küssen und seine Bücher verschlingen!

Das Wetter heute ist übrigens mehr als bescheiden für den Kreislauf! Diese Mischung aus schwül, kühl und Feuchtigkeit, die unter den Wolken klebt. Ich bin völlig groggy und zu nichts zu gebrauchen. Eigentlich wollte ich für Winterdämmerung endlich eine Karte zeichnen und ein paar Plotlinien visualisieren, aber es reicht gerademal, um einen Kinderbuchplot auf dem Balkon zu kritzeln.

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Veronika Bicker – Schmetterlingsschatten

gbwolf on Feb 20th 2008

Ganz unbefangen bin ich nicht bei der folgenden Rezension, denn Veronika Bicker ist eine langjährige Freundin von mir und so blieb ihr am Wochenende nichts anderes übrig, als mir eins ihrer Belegexemplare aus der frisch eingetroffenen Kiste zu geben.
Dennoch denke ich, dass ich ihr keinen Freundschaftsbonus einräume, sondern gelesen habe, als wäre das Buch von einem mir unbekannten Autor.

Der Fund einer Mädchenleiche ist der willkommene Gesprächsstoff in der Sommerhitze eines kleinen, ein wenig verschlafenen Dorfes. Ein Jahr lang lag die Tote verscharrt an der Landstraße im Wald. Fast zur selben Zeit und nur ein kleines Stück weiter starb Elenas ältere Schwester Laura bei einem Unfall mit ihrem Roller. Die Ereignisse und der Schmerz holen sie wieder ein und am liebsten würde sie sich vor der Welt verstecken. Doch im leeren Zuhause findet sie keinen Trost. Die Mutter ist seit dem Unfall nur ein Geist ihrer selbst, ihre verbliebene Tochter hält sie aus einem emotionalen Käfig aus Angst und Sorge, der Vater arbeitet weit weg auf dem afrikanischen Kontinent.
Mitten in dieses Tief platzt Tristan, der coolste Junge der Schule, und da sind noch dieser geheimnisvolle Briefeschreiber, die vermummte Gestalt, die nachts Elena zu verfolgen scheint und dieses immer stärker werdende Gefühl, dass etwas nicht stimmt, an Lauras Tod.

Schmetterlingsschatten ist ein gut geschriebener Thriller für Mädchen ab 13. Subtil kreist die Autorin um die Aufarbeitung von Problemen, Gruppenzwang und Vertrauen. Die Charaktere sind differenziert gezeichnet und mit Tiefe ausgestattet, die Handlung geschickt inszeniert, ordentlich straff und spannend. Geradezu unheimlich schließt sich die Spirale der Zwänge um Elena, die sich innerhalb der Clique aufbauen und ziehen sie mit sich. Sprachlich ist das Niveau nicht zu hoch, aber auch nicht platt, die Bilder sind kraftvoll und die Autorin hält sich mit Wertungen über das Tun ihrer Figuren zurück.
Ein sehr guter Jugendthriller, der nicht an den Fehlern krankt, die in so vielen anderen Werken für diese Altersgruppe: Flache Charaktere, Spannungsabfall nach dem ersten Drittel und zu wenig Tiefe.
Dieses Buch kann ich nur wärmstens empfehlen!

Veronika Bicker; Schmetterlingsschatten
Arena (Februar 2008); ISBN:3401061771
206 Seiten; 8,95 €

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Andreas Eschbach – Die Haarteppichknüpfer

gbwolf on Jun 6th 2007

Weil es am Dienstag wieder in die Bib zurück muss hier die Rezension:

In einer fernen Galaxie, die vor tausenden von Jahren in Vergessenheit geriet, pflegen die Menschen auf unzähligenWelten ein komplexes Handwerk: Das Knüpfen von Haarteppichen. Für die Herstellung eines Teppichs ist ein ganzes Menschenleben von Nöten. Auf den staubtrockenen Planeten leben sie in einer geradezu mittelalterlichen Welt, die allein dem Zweck dient, diese sagenhaften Teppiche zu produzieren und ins All an einen unbekannten Ort zu verschiffen.
Und für wen?
Die Bewohner glauben, mit den Teppichen den Palast des unsterblichen Gottkaisers zu schmücken, dessen Reich ein Universum umspannt. Dieser Kaiser aber, wurde bereits vor zwei Jahrzehnten von Rebellen abgesetzt, in seinem Palast ist kein einziger der Teppiche zu finden.
Welcher unglaubliche Wahnsinn steckt hinter all dem?

Andreas Eschbachs Roman ist nicht einfach zu lesen, wenn man einen durchgängigen Handlungsfaden mit ein oder zwei Protagonisten als Handlungstragenden erwartet. Im Stile einer Fixup-Novel reiht er lose verbundene Kurzgeschichten aneinander, wechselt die Perspektive auf das Geschehen von Person zu Person und baut die Lösung wie ein Mosaik auf – man kann sich auch dem Motto des Buches anschließen und sagen: Er knüpft die Handlung wie einen Teppich. Nicht jeder der Stränge ist relevant für die Handlung und oft zu kurz, um ein Eintauchen in die Welt ganz zu ermöglichen. Der Aufbau an sich ist sehr interessant, erscheint aber nicht vollkommen stimmig und lässt den Leser oft mit dem Gedanken zurück, eine Kurzgeschichtensammlung zu lesen, während der Leser gerne die Handlung weiter vorangetrieben sähe. Vor allem stört hier, dass man meist über lange Stecken nicht erfährt, was dem gerade handelnden Protagonisten zugestoßen ist, nachdem man ihn verlassen hat.
Durch die Technik der kurzen Abschnitte kommt Eschbach in die Bedrängnis, seine Protagonisten auf engstem Raum einführen zu müssen. Heraus kommen dabei – insbesondere bei den Nebenfiguren – oft genug Instant-Charaktere nach Schema-F. Einzig die öfter Auftauchenden werden ausführlicher und tiefer vorgestellt. Vor allem gegen Ende des Romans erscheinen die Stimmungsschwankungen und Handlungen der Figuren wenig glaubhaft und sehr konstruiert, damit der Schluss funktioniert.
Die Auflösung an und für sich ist interessant, wie die Verknüpfungen im gesamten Roman, jedoch für Leseratten, die sich häufig in der Fantasy bewegen, nicht wirklich erstaunlich oder erschütternd. Eher verärgert hier die gezwungene Heranführung, wie die Protagonisten alles heranführen.
Nicht nur an dieser Pointe, sondern den gesamten Roman hindurch spürt man das Erstlingswerk. Die Sprache ist weit weniger sauber und handwerklich gut wie in späteren Romanen von Eschbach. Immer wieder zeigt er insbesondere im Gebrauch von Adjektiven Anfängerschwächen.

Für den kritischen Leser, der einen guten Stil schätzt, wird dieser Roman eher nichts sein. Ebenso enttäuscht wird, wer wirkliche SF erwartet. Wer stark konstruierte Geschichten zum mitraten schätzt, wer auf eine ungewöhnliche, ja gigantische Verknüpfung steht und wer die Verquickung von SF und Fantasy mag, der kommt hier voll auf seine Kosten. Allen Zweiflern sei der Gang in eine Bibliothek geraten oder ein intensives Querlesen im gut sortierten Buchhandel. Nicht jeder wird mit dem Buch gut zurecht kommen.

Eschbach, Andreas: Die Haarteppichknüpfer; Luebbe, 2005;
318 Seite; ISBN: 978-3404243372 ; 7,95

Vor allem aber hat mich der Roman an das lang zurückliegende SF-Monatsthema “Space Opera Maxima” aus der SF-Rubrik auf kurzgeschichten.de erinnert. Außerdem weiß ich, wie er auf die Idee gekommen ist: Wer einmal so viele Haare aus seinem Teppich puhlen musste, wie ich heute morgen beim Staubsaugen …

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Charles Coleman Finlay – Der verlorene Troll

gbwolf on Jun 5th 2007

Claye ist der Erbe von Lord Gruethrist, aber sein eigentlich sorgenfreies Leben beginnt bereits als Säugling mit der Flucht vor der Armee des Barons Culufre. Dem Ritter Yvon und der Amme Xaragitte aber gelingt es nicht, das Kind in Sicherheit zu bringen. Der Jung wird von einer Trollmutter gefunden, die um ihre verstorbene Tochter trauert und fortan in ihrem Volk aufgezogen.

Jahre vergehen, in denen Claye, der mittlerweile den Namen Made trägt, heranwächst. Körperlich ein Mensch und im Herzen ein Troll, versucht er sich seinen Platz unter den Riesen zu erkämpfen und muss erkennen, dass ihm nur ein Weg zu gehen bleibt: Zurück zu den Menschen, von denen er nichts weiß und die er nicht kennt. Er lernt den Krieg und die Liebe kennen und die Sehnsucht nach einem Platz in dieser Welt.

Finlays Debütroman entwickelt sich langsam. Epische Schlachten, Magie in Mengen oder dramatische Heldentaten darf man nicht erwarten. Die Konzentration liegt auf dem Protagonisten Claye/Made, der die Selbstverständlichkeiten einer brutalen, frühmittelalterlichen Welt aus einer außenstehenden Perspektive beobachtet. Die Charaktere und insbesondere das Volk der Trolle mit seinen Gebräuchen und Lebensweisen sind tief und dreidimensional dargestellt. Finlays Sprache ist klar und schnörkellos, aber dennoch frisch und voller unverbrauchter Ideen und Phrasen, die nie aufgesetzt wirken.

Die beeindruckenste Arbeit des Autors liegt darin, die Rolle des Claye konsequent durch das Buch zu führen. Seine Unangepasstheit wird dem Protagonisten mehr als einmal fast zum Verhängnis, kurzzeitige Charakterschwankungen, um aus einer Situation heraus zu kommen, gibt es nicht und auch keine schnellen Gesinnungswandlungen, wie sie in vielen Romanen und Filmen passieren. Die Erziehung der Trolle und der Glaube daran, selbst ein Troll zu sein, sind tief in Claye verwurzelt und es ist psychologisch absolut nachvollziehbar, wie er sich entwickelt und auf seine Umwelt reagiert.

Ein Problem beim Lesen schafft der kaum vorhandene Spannungsbogen. Die Handlung ist die eines Entwicklungsromans und der Autor eher ein sehr guter Erzähler, als ein Actionschreiber. Zwar kommt es auch zu Kämpfen und Konflikten, ein wirklich elektrisierendes Element fehlt dem Roman aber und in der Mitte fließt die Handlung an manchen Stellen recht zäh voran – hierbei sei allerdings erwähnt, dass die Rezensentin kein Fan von »Troll trifft Indianer« ist.

Außerdem anmerkenswert ist das gelungene Titelbild des Illustrators Thomas Thiemeyer. Allerdings werden Bibliophile mit dem empfindlichen Buchrücken leiden. Die Folie auf der Klappenbroschur legt sich auch beim vorsichtigen Lesen gern in Falten. Papier, Satz und Bindung allgemein sind dem Preis angemessen und sehr gut. Aber das hat von der Hobbitpresse sicher auch niemand anders erwartet.

Empfehlen kann man den Roman allen, die etwas andere Fantasy lesen wollen, die Entwicklungsromane mögen und denen ein ständiger Spannungsbogen nicht so wichtig ist. Mehr noch als bei anderen Büchern empfiehlt es sich hier, einige Seiten in der Buchhandlung oder die Leseprobe auf er Verlagsseite anzulesen und sich ein Bild zu machen, ob man mit dem frischen, aber eigenwilligen Stil des Autors zurecht kommt.

Wer bereits an der köstlichen Anfangssequenz seine Freude hat, dem ist dieses Buch wärmstens zu empfehlen. Sicherlich eine der Neuentdeckungen der Fantasy in diesem Jahr.

 

Finlay, Charles Coleman: Der verlorene Troll; Klett-Cotta, 2007

444 Seiten; ISBN: 978-3608937862, 16,90

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